Nicht schon wieder! - Das Fahrrad.

Kurz vorab: Diese Geschichte ist eine Warnung, eine Warnung vor dem Abhandenkommen von Eigentum, eine Warnung aus Erfahrung. 
Und diese Geschichte ist eigentlich ziemlich verrückt.
 
Ich bin ein großer Fan von ebay, speziell von ebay Kleinanzeigen.  Aus Versandkosten werden Spritkosten und das Warten dauert gerade so lange wie eine Fahrt mit dem Auto.
Stell dir vor, deine Kaffeemaschine wäre morgens gerade fertig mit der routinemäßigen Arbeit, der Kaffee motorisiert die Augenluken nach oben, bevor deine verschlafenen Augen zum Vorschein treten, dein dahinter liegendes Hirn ist im Aufnahmemodus. Es sagt: "Wann, wenn nicht jetzt. Sonst leg ich mich wieder schlafen." Du schaltest deine Stereoanlage mit Radio an, möchtest deinen Gehirnwindungen Aufgaben geben: Zuhören, Verarbeiten, Merken, bei Bedarf wieder abrufen, um Mitreden zu können". Dein Radio kennt die Frequenz von Deutschlandfunk, aber das Display - bleibt schwarz. Du rüttelst, streichelst, drückst mal sanft, mal mit Wucht, drehst und zerrst an Kabel, beißt in die Antenne und startest mittels Netzstecker neu. - Nix! Dat Ding ist kaputt.
Du weckst deinen Rechner aus dem Energiesparmodus, stellst deinen Kaffee ab und tippst dich im Multitaskingmodus durch die Internetseiten von D-L-F und ebay Kleinanzeigen. Während es tönt: "7 Uhr - Die Nachrichten." hast du eine neue Stereoanlage gefunden, in einem Ort, 5 km von der Arbeit entfernt. Das nimmst du zum Anlass, faul wie du bist, nicht mit dem Fahrrad, sondern mit dem Auto zur Arbeit zu fahren, um danach recht schnell zum zukünftig ehemaligen Eigentümer deiner neuen Stereoanlage zu kommen. Die 16 Uhr-Nachrichten willst du schließlich schon wieder von der Stereoanlage hören. Im Gegensatz zu Saturn hast du die Hälfte gespart, hast dich nicht von besseren High-Tech-Endgeräten für einen höheren Preis locken lassen, hast eine nette Bekanntschaft gemacht, die du trotzdem nie wieder sehen wirst und, am wichtigsten, du hast die funktionsfähige Stereoanlage vor der Verschrottung bewahrt. Der Hörgenuss war's eh wert, sie ist gute acht Jahre jünger als deine alte. 
So geht's gut und so kann's laufen. Und ich gebe zu, dass ich meine Stereoanlage via ebay Kleinanzeigen bezogen habe. 
 
Mit einem anderen corpus delicti hatte ich hingegen größere Probleme - und das mehrmals. 
 
Ich fahre sehr gern Fahrrad. Mein Fahrrad ist, vom Nutzungslevel her, etwas zwischen 'Gebrauchsgegenstand', 'Sportgerät' und 'Statussymbol', weil es gern alle technischen Raffinessen haben darf, die ein moderner Radfahrer an sein Bike ranmontieren kann, damit es was her macht: Fahrradcomputer, Smartphonehalter (natürlich nur als Navigationsgerät), Flaschenhalter und Dashcam (für youtube). Smartphonehalter und Dashcam werden abmontiert und ein Gepäckträger mit Taschenhalter angebracht, wenn ich zur Arbeit fahre. Ein wandelbares Gerät, geradezu ein Transformer in der Gestalt eines Drahtesels. Und dabei macht es echt was her: breiter Lenker, stromlinienförmiger Sattel, edles blau-silbernes Design und ist durchaus angenehm zu fahren mit hydraulischen Scheibenbremsen, einem Nabendynamo und StVZO-gemäßen Leuchten.
Das Fahrrad hatte nur zwei Fehler: Erstens gefiel es nicht nur mir, sondern auch denen, die es stahlen. Zweitens: Es war nicht das einzige, das gestohlen wurde.
Es kommt mir vor wie ein Fluch. Ich wohnte in den letzten fünf Jahre an drei verschiedenen Orten. Am ersten Ort kam mir ein Fahrrad abhanden. Geparkt war es am Hauptbahnhof der Stadt, angeschlossen, aber eben über Nacht. Und welches Verbrechen hüllt die Nacht nicht die Dunkelheit. 
Die Tatsache, dass neben meinem - zugegebenermaßen farblich auffallenden - Fahrrad noch viele weitere Rostlauben und sonstige Krücken herumstanden, interessierte die Täter wenig. Sie schienen mit Bolzenschneider zu kommen und mitzunehmen. Es muss zumindest amüsant ausgesehen haben, wie ich ohne Fahrrad, aber mit kurzen Fahrradfahrerhosen vom Hauptbahnhof nach Hause trottete, den Ärger ins rote Wutgesicht geschrieben. 
Da ich mich auf dem mit gestohlenen Mountainbike recht wohl fühlte, wollte ich das gleiche Modell wieder haben. Ich fuhr dafür von Freiberg aus nach Leipzig, um es abzuholen. Für 300 Euro ein Schnäppchen. 
Ich baute das Equipment des Statussymbols wieder an, was den Preis noch ein wenig in die Höhe trieb. Aber ich hatte mein Fahrrad wieder, fast wie das alte.
Dieses wurde mir dann am nächsten Ort, Chemnitz, gestohlen, aus dem Hinterhof, nachdem es - angeschlossen - zwei Nächte draußen stand. Am selben Tag ging meine Beziehung in die Brüche.
Wie durch einen Zufall entdeckte ich auf EK, wie ich ebay Kleinanzeigen nun nur noch nannte, das gleiche Modell, sogar schon mit Nabendynamo und Gepäckträger in .... Hamburg. Puh, wird 'ne weite Fahrt. Mittlerweile dachte ich darüber nach, wie verrückt es eigentlich ist, für ein Fahrrad eine Tour von 500 Kilometer - eine Strecke - auf mich zu nehmen, nur um das gleiche Modell wieder zu haben. Ich entschuldigte meine Bedenken mit dem Allgemeinplatz, dass der Mensch ein Gewohnheitstier ist und dass ich in Berlin eine junge Frau kennengelernt hatte, die ich bei dieser Gelegenheit gleich mal besuchen könnte. Die Fahrt war lang und ich dann erschöpft, das Date war schön, aber ich der jungen Dame nicht so recht gewachsen bzw. umgekehrt, aber ich konnte wieder meinen geliebten Drahtesel selbigen Modelles fahren - wenn mich auch der Verkäufer im Fahrradladen seltsam musterte, als ich zum dritten Mal innerhalb von zwei Jahren den gleichen Fahrradcomputer, den gleichen Smartphonehalter, den gleichen Falschenhalter und die gleiche Dashcam kaufte. Sein argwöhnischer Blick sagte: 'Frisst du das Zeug oder rauchst du es nur?"
Ich hatte einen guten Sommer Freude am dritten Rad. Dann stellte ich es in den Keller, weil ich es seltener nutzte, da ich mit dem Auto zu Arbeit fahren musste. An einem diesigen Herbsttag, der Nebel hing tief und seine winzigen Tropfen setzten sich nahezu unmerklich auf meine Zigarette, die ich im Hinterhof noch rauchte, wollte ich keinen Abendspaziergang mehr machen. Normalerweise kontrollierte ich nämlich während dieses Spaziergangs in der Dunkelheit, ob die Hintertür verschlossen war oder ob ein Nachbar das wieder vergessen hatte. Ich dachte dabei an die Kiffer aus dem 2. Obergeschoss. 
Der nächste Tag war ein freundlicher, für den Herbst recht warmer Tag, an dem keine Radtour zu machen recht gesehen eine Sünde gewesen wäre. Die lange Herbstradhose war schnell angezogen, die Trinkflasche gefüllt und die Kellertür stand offen. Ja, die Kellertür stand offen, die Hintertür ebenso und mein Fahrrad war, exakt, verschwunden. 
 
Sei's drum, ob's der Kiffer war. Sei's drum, auf welchen irrwegigen Pfaden mein Fahrrad wo auch immer hingekommen sein mag. Aber ich war wütend. Lag's an der Marke, lag's an der Sicherung oder war das schon Schicksal, Karma, Gottes Wille? 
Es ist der Moment, wenn man überlegt, wie tief das Loch sein soll, in das man einen undurchsägbaren Stahlpfahl in den Boden einbetoniert und wie stark das Titanseil sein muss, das daran befestigt, um das Fahrrad zu sichern. Es ist der Moment, indem man über die Genfer Menschenrechtskonvention nachdenkt und mutmaßt, ob die Schädigung des menschlichen Ohres mit 200 Dezibel, die aus der Alarmanlage dringen, bereits als Körperverletzung gelten und somit mit dem Fahrraddiebstahl zivilrechtlich entgegengerechnet wird. 
 
Vorerst stand ein Umzug an in eine kleinere Kreisstadt. Vorher fuhr ich in Urlaub nach Italien. Wie es der Zufall/das Schicksal/Karma/Gottes Wille wollten, fand ich im Allgäu ein Modell, welches meinen letzten exakt ähnelte. Es gab sie also noch. Recht günstig erwarb ich es auf der Rückfahrt aus dem Urlaub und stellte es angeschlossen in den Durchgang zwischen Tür zur Straße und Innenhof. Nachts ist der verschlossen, sagten mir die Nachbarn und teilten mir auch die Schilder mit: Stets verschließen. Das dem nicht immer so ist, musste ich mir erst von dem Polizeibeamten sagen lassen, dem ich das Formular aus Anlass eines Fahrraddiebstahls ausfüllte. Sapperlot!
 
Ich möchte nicht ausrechnen, wie viele Hundert-Euro-Scheine ich für die vielen Fahrräder gleichen Modelles, die ich immer als "meins" bezeichnet habe, verbrannt habe. Ich möchte nicht ausrechnen, wie viel mich die Anbauten kosteten und was der Kassierer jedes Mal dachte. Aber ich hatte begründete Einwände, wieder in diesen Laden zu gehen. Und überhaupt, irgendetwas an meiner Vorgehensweise musste ich ändern. 
 
Die Änderung im Vorgehen zum Erwerb eines neues Zweirades war denkbar einfach: Ich pfiff auf EK und ging, ganz konventionell-bürgerlich, in einen Fahrradladen und trug meinen Wunsch vor. Etwas zwischen Trekking- und Mountainbike, bitte mit hydraulischen Scheibenbremsen und Nabendynamo. Gerne auch mit Gepäckträger. Ich konnte sogar Probesitzen und alles an mich anpassen lassen. Ich ließ mich, mit anderen Worten, vom Profi beraten. 
Ich hatte nicht nach Süden oder Norden, Westen oder Osten zu fahren, sondern ging zwei Straßenzüge weiter. Die Versandgebühren bezahlte der Händler. Ich bezahlte ein paar Euro mehr und ich räumte meinen Flur im Erdgeschoss frei, dass der eventuelle Diebstahl noch schwieriger würde. Und ich nahm es gleich auf die Hausratversicherung. Und ich schrieb die Geschichte auf zur Warnung.
 
Dieser Drahtesel möge mich bitte überleben und zum Erbstück werden!
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© Kay Nagel - Dozent & Lektor