IKEA-Samstag

Ob Ingvar Kamprad das so vorgesehen hat? 

Samstag Nachmittag gegen 3 Uhr. Ich fahre auf den freien Parkplatz des Möbelhauses und verzichte trotz Regens darauf, ins überdachte Parkhaus eine Etage tiefer zu fahren. Spätestens nach der zweiten Parkreihe, an der vorbeifahre, ohne eine Lücke zu erspähen, wird mir klar, dass mein Vorhaben wohl ein Fehler war. Für diese Erkenntnis und die Zeitsparende Konsequenz, einfach wieder nach Hause zu fahren, ist es nun aber zu spät. Ich brauche schließlich Lampen und Leuchtmittel für meine neue Wohnung. Sonst muss ich abends weiter in Dunkelheit verbringen. IKEA hat da ein schönes Angebot: 1,99 für einen Lampenschirm, das passende Leuchtmittel dazu kostet einen inflationsverheißenden Euro und die Fassung 3,99. Knappe 6 Euro für die Erleuchtung zuhause. Die Erleuchtung, an einem Wochentag zu diesem Tempel der Familieneinkaufsunterhaltung zu fahren indes kam mir nicht; muss wohl an der abendlichen Dunkelheit in meiner Behausung liegen. Eine große Erkenntnis ist also gewonnen, die Durchführung damit erschwert, aber ebenso beschlossen und sie steht fest. Fest steht dann auch mein Auto, nachdem ich einem vorsichtigen, älteren Mann circa zwei Minuten beim Ausparken zugesehen habe und die Lücke, die er hinterlässt, für mich beanspruche. Der Weg zum Eingang ist weit, verregnet und windig, aber ich weiß, wo ich meine Einkäufe nachher verstaue. 
Der Ausgangsbereich ist gesäumt von Rauchern, Kaffeetrinkern und Wartenden, die mit ihren Pappkartons voller Möbel und frisch erworbenen Heimtextilien nicht durch den Regen watschen wollen, sondern auf ihren Chauffeurdienst in Form eines Familienmitgliedes oder WG-Mitbewohners warten. Man geht ja nicht allein zu Ikea, das wäre ein No-Go. Dafür ist der Erlebnisfaktor viel zu hoch und man würde in unter einer Stunde aus diesem Tempel des Einrichtungsgottes wieder heraustreten. Ingvar Kamprad hat damals, das muss man ihm lassen, sehr facettenreich, ja, ganzheitlich gedacht. Er vereinte das Möbelsucherlebnis mit dem Expressshopping-Prinzip (kleine Dinge einfach aus dem Wühltisch zu krallen und in die gelbe oder blaue Tüte zu schmeißen) mit dem Wartebereich-Phänomen. Letzteres ist die Grundlage dafür, dass man auf Möbel, die nicht mal eben unter den Arm passen, an der Warenausgabe zu Warten hat. Diesen eher unbequemen Part des Shoppingerlebnisses hat er kompensiert mit dem Hotdog-Stand. Warum wie beim Arzt auf schnöde Weise warten, wenn man stattdessen auch essen kann. Unterhaltungsheftchen gibt's im Möbelhaus sowieso nicht, stattdessen den Hotdog nebst pappsüßem Getränk für 1,50. Ein Schnäppchen. Das Warten wird zur Aftershopping-Party und die 7-Segment-Anzeige informiert rechtzeitig über die Verfügbarkeit der heiße ersehnten neuen Küche. Der Hotdog sei das letzte Fastfood vorm Aufbauen der neuen Küche. Den eventuell bis ziemlich sicher vorkommenden Frust beim Inbusschlüsseldrehen kann ja der BurgerKing-Lieferservice kompensieren. So ein Hotdog hält ja nicht lange vor.
Für die lieben Kleinen, die von den Eltern aus gutem Grunde nicht mit in die Kinderzimmerabteilung genommen werden (sie können ja viele schöne Dinge sehen, die sie unbedingt und jetzt und gleich hier haben wollen), gibt es am Ende auch ein Würstchen oder Hackbällchen oder eine Pizzatasche, denn das Baden im Bälleparadies direkt neben dem Imbiss verbraucht Energie. Und Mama muss nicht kochen - ein Luxusleben!
Die Drehtür bleibt natürlich ständig stecken. Irgendwer missachtet immer den Hinweis, dass das Anschieben trotz aller Eile nicht angebracht ist und eher das Gegenteil evoziert: kurzzeitigen, aber strikten Stillstand. Ist der gelöst, bietet sich ein Bild, als ob man Fritz Langs 'Metropolis' im Zeitraffer abspielen ließe. Nur, dass diese Fabrik hier Geld in Ware verwandelt und nicht Humankapital in Energie. Die Leutchen raffen sich in positiver Einkaufsabsicht ihre gelben (das sind die großen) Einkaufstaschen unter die Arme und steigen in eilender Geschwindigkeit die Treppe zur Empore hinauf und begeben sich in das Getümmel des Schauens, Probierens, Probesitzens und -liegens, Antatschens, Lachens, Zeigens, Inspizierens, Fragens, Überlegens und schließlich Einpackens oder Weitergehens. Letzteres aber nur sehr langsam, man will ja in erster Linie Schauen. Egal, ob man nun die gelbe Tüte genommen hat oder nicht, man weiß ja nie. Sie begeben sich in den Rausch, zielgerichtet, mit dem unterbewussten, aber verdrängten Gedanken, dass dieser Laden hier ein überdimensioniertes Labyrinth ist. Sei's drum, es ist ja .... oh, schau mal da, der Sessel, wie ist der doch hübsch!
Ich kenne natürlich die Abkürzungen und verspreche mir einen Zeitvorteil von mindestens einer halben Stunde gegenüber den Leutchen, die gerade aller fünf Schritte vor mir anhalten. Und ihre Zeit hier oben auf der Empore des blau-gelben Olymps wird lange dauern, sie haben zwei Kinder dabei.
Die Treppe nehme ich am Geländer, weil die meisten hier mittig hinabsteigen. Ich verlangsame, denn ich will nicht der Elefant sein, der die Weingläser von ihren Ausstellungsposten herunterreißt. Noch eine kleine Abkürzung, mit der ich die Kissenabteilung auslasse und ich finde mich in der Küchenabteilung wieder, die mich daran erinnert, dass ich einen größeren Wasserhahn brauche. Noch ist die Küche zwar nicht fertig, aber ich brauche eine neue Mischbatterie. Die alte, mit zwei Drehknöpfen versehen, habe ich weggeworfen, denn ich will einen durch Einhandbedienung zu bedienende Hebel. Die Preise lassen mich kurz mental stottern, ich nehme ein günstiges Modell. Mein Blick fällt auf die weiteren Armaturen. In der Tat, eine Halterung für meine Kellen brauche ich auch. Die Küche ist zwar noch fertig aufgebaut, aber wenn ich einmal hier bin, kann ich ja auch...obwohl...mit Haken...na, ich weiß nicht. Nein, jetzt nicht, ich komme ja sicher nochmal her. Intermittierendes Shopping abgeschlossen, ich sause weiter. Unterwegs, in der Bettenabteilung, bemerke ich, dass mein Lauftempo abnimmt, weil ich neben dem Laufen auch noch tragen muss. Zur Erleichterung greife ich mir einen Mülleimer (brauche ich sowieso noch), werfe meine Einkäufe hinein und setze mein Jogging fort. Endlich, die Lampenabteilung! Und da hängt der von mir so begehrte Lampenschirm auch schon. Ich versuche, die ziellos umherrirrenden und vom Licht geblendeten Kinder nicht umzurennen, was mir wie beim Himmel-und-Hölle-Spielen auch perfekt gelingt und greife nach unten, wo die in Plastikfolie eingeschweißten papiernen Lampenschirmen liegen...sollten. Bravo! Die günstige Variante der Lichtumhüllungseinheiten ist ausverkauft. Möglichkeit 1 nun: Fragen, ob das Lager noch einen Vorrat bereithält. Die Mitarbeiter sind _alle_ im Gespräch mit Kunden, hinter denen sich schon Schlangen mit Fragestellern bilden, die über Lumen diskutieren, die Funktionsweise von Steckdosenleisten und Batterien erklärt bekommen möchten. Möglichkeit 2 ergreife ich: Frustrierte Flucht. Meine Fitnesstour durch den Trimmdichpfad Möbelhaus wird jäh unterbrochen durch die neunköpfige Hydra, die jetzt auch noch Geld haben will. Eine gute Viertel Stunde, um zu resümieren: Ich habe nicht das bekommen, was ich wollte, stattdessen Sachen eingepackt, die ich erst in zwei, drei Tagen brauchen kann, wenn ich erst kurz nach Feierabend wieder hierherkommen kann und die Menge an Leutchen wohl nur minimal abgenommen haben wird. Immerhin, den Mülleimer kann ich sofort einsetzen. Ich kippe ihn aus und zahle. Nein, eine FamilyCard habe ich nicht. Der Hotdog-Duft steigt mir in die Nase und ich bin kurz versucht... Doch nein, heute Abend macht mir Murat meine Pizza. Solange die Küche noch nicht fertig aufgebaut ist, greife ich auf Fingerfood zurück. 
Der Parkplatz ist noch immer gut gefüllt. Ihr armen Opfer des Konsumrausches, denke ich mir. Und im nächsten Augenblick: Ach was, euch macht das am Ende noch Spaß und es ist für euch ein Erlebnis für die ganze Familie. Was soll man auch machen bei dem Sauwetter, Spazieren gehen?
 
Ob Ingvar Kamprad das so vorgesehen hat?
Ich stelle ihn mir als Schelm vor mit diesem Schalk im Nacken und dem zwinkernden Augen. 
Ziemlich sicher! - Du Schlawiner!

 

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© Kay Nagel - Dozent & Lektor