Future for Fridays?

Streitschrift eines jungen Fridays for Future Kritikers.

 

 

Im Ernst – welcher Lehrer, welche Eltern gehen davon aus, dass freitags ab Mittag tatsächlich noch jemand an Unterricht denkt. Während Behörden spätestens um 13 Uhr ihren Prozessor in den Wochenendmodus hineinschlummern lassen, sind Schülerköpfe meistens schon gegen 11 Uhr vormittags nicht mehr wirklich aufnahmefähig. Langsam anschwellendes, aber deutliches Indiz, dass der Hirnprozessor ein Frischluftwochenend-Update braucht: Geschnatter, von dem die Lehrkraft Zeit und Abfahrtsort des Wodka-E-Expresses heraushört, gerade noch so, denn die abgestumpfte Taubheit der Lehrperson geht auch auf die Empfindlichkeit ihrer Soundkarte.

Jede Lehrkraft wird also bestätigen können, dass die Schulpflicht zwar den guten Sitten nach (früher war mal samstags Schule), aber längst de facto ab Freitagmittag nicht mehr in Kraft ist. Und jede Lehrkraft wird tief im Inneren glücklich darüber sein, dass die Schützlinge aus dem Haus sind und die Ohren die plötzliche Stille genießen können. Fridays for Future sei Dank.

Naiv aber zu glauben, dass jeder Schüler bei Wind und Wetter auf den Marktplatz eilt, um dort für Hambi, gegen Nazis und natürlich für das Klima und gegen den Wandel zu demonstrieren.

Das Gros der Mittagskinder wird nach Hause gehen, zocken, Freunde treffen, abhängen, chillen, surfen, tiktok, Firlefanz. Ein paar der selbst ernannten Idealisten haben vorher den Entschuldigungszettel ausgefüllt, den Sonneborn satirisch gemeint und für die reale Anwendung in Schulen konzipiert hat: Schule schwänzen ist legalisiert.

Zu einer Fridays for Future-Demonstration bin ich dann selbst mal gegangen. Zwar haben sich meine Schülerinnen und Schüler standhaft dagegen geweigert, die Sonnebornsche Absolution zu unterschreiben (Zitat: Was für ein ‚Schmutz‘!), sind sie meiner Idee gefolgt und wir haben uns unter dem Lernfeld-Thema ‚Beobachtung und Wahrnehmung‘ die Veranstaltung angesehen. Vereint durch Euphorie, ausgestattet mit Transparenten, auf denen Klimarettungsparolen zu lesen waren, skandierte die Grüne Jugend von Chemnitz, wie wichtig die Rettung des Klimas ist. Soweit, so idealistisch, so verantwortungsvoll, so gut. Irritierend wirkte da nur der mit Diesel betriebene und mit laufendem Motor dastehende Transporter, auf dem die Boxen für die Lautverstärkung geladen waren und auf dem ein Transparent prangte mit den Worten: Nazis jagen, Hambi retten – Wir bleiben stabil. Da fragte ich mich: Was haben der Hambacher Forst und Nazis gemein. Ich fand keine Antwort.

Sehr erhellend dagegen war die Szene, als ein älterer Mann (ja, Chemnitz ist bekannt dafür) die jugendlichen Demonstranten fragte: „Wenn ihr den Kohleausstieg sofort wollt, wo sollen dann die ganzen Arbeiter hin.“ – Darauf fanden nun die Demonstranten keine Antwort und bewegten sich ein paar Schritte von dem älteren Mann hinweg.

Sollte den Fridays for Future Kids und Teens jemand mit Vernunft, mit Politik, mit vorausschauendem Handeln gekommen sein? Geht ja gar nicht!

 

Doch – geht!

Ein Buch ist erschienen. Ich habe die Rezension des Buches im letzten Video schon angekündigt. Ein Buch ist erschienen namens Future for Fridays. (zeigen)

Der Autor ist studentischer Mitarbeiter des ZDF, Jahrgang 1997, studiert Politik in Mainz und kennt FfF deshalb, weil er auch mal mitgelaufen ist, aber sehr schnell gemerkt hat, dass seinen demonstrierenden Freunden der Idealismus, die Indokrination wertvoller waren als das langfristige Projekt, die Zukunft wirklich retten zu wollen.

Und damit sind wir angelangt bei der Rezension, die ich bereits angekündigt habe.

Clemens Traub unterteilt sein Buch in 10 Kapitel, von der anfänglichen Begeisterung für dieses große Projekt der Umweltrettung über die Ernüchterung, was die Rädelsführer daraus machen und über die Erkenntnis, was wirklich notwendig für die Klimarettung ist bis hin zu Vorschlägen, wie die Arbeit von Fridays for Future realitätsnah funktionieren könnte. So utopisch das aus sei. Aber seine Ideen dazu sind gut.

 

Am Anfang war das Wort, und zwar das von Greta Thunberg. Skolstrejk för klimatet! Mit einem Pappschild saß sie vor dem schwedischen Parlament und übte einen Sitzstreik, stiller Protest gegen Umweltsünder. Das Bild ging um die Welt, die Jugend machte sich auf und gewissermaßen zu Greta-Jüngern.

Clemens Traub hatte sein Erweckungserlebnis am 25. Januar 2019, etwa fünf Monate nach dem ersten Sitzstreik in Schweden. Aufmerksam geworden durch die Berichterstattung der Tagesschau, wo er die demonstrierenden Schüler in Frankfurt sah, kamen ihm diese als „die einzig richtige Antwort“ auf die drängenden Fragen der Klimakrise vor. Die nächsten Monate waren geprägt.

Die Bewegung ist in der Rückschau schon bewundernswert. Auch wenn man unterstellt, dass Greta Thunberg mittlerweile von einem Team von Managern unterstützt wird, dass ihre medialen Auftritte inszeniert werden, ist ihr schneller Aufstieg mit wenig anderen Biographien vergleichbar. Und die Wirkung, die sie erzielt hat, straft alle Befürchtungen von Pädagogen und Gemeinschaftskundelehrern Lüge, wenn sie behaupten, die Jugend hätte das Interesse an Politik gänzlich verloren. Nun wird sie wieder aktiv. Auch Clemens Traub hat genau das gereizt, weswegen er sich engagierte. Wenn da nicht ein paar Sachen gewesen wären, die ihn zweifeln ließen.

Zitat 1: Doch während die Welt Greta Thunberg und ‚Fridays for Future‘ den roten Teppich ausrollte, wuchs bei mir langsam, aber stetig das Unbehagen. und

Zitat 2: Je häufiger ich an Fridays for Future-Demonstrationen teilnahm, desto fremder wurden sie mir. Ihre moralische Überheblichkeit störte mich immer mehr. Anstatt Menschen überzeugen und mitreißen zu wollen, belehrten die Protestierenden lieber vorwurfsvoll mit erhobenem Zeigefinger. Jeder, der mit seinem Lebensstil nicht voll und ganz den rigorosen Ansprüchen meiner Fridays for Future-Bekannten gerecht wurde, sollte schon bald als Klimasünder abgestempelt werden. Und so fragte ich mich nach kurzer Zeit, für wen die Bewegung denn eigentlich die Erde retten möchte angesichts des Umstands, dass weite Teile der Bevölkerung Fridays for Future zunehmend den Rücken kehrten.“

Der Autor spürte also schon anfänglich die Gefahr der Spaltung, in die auf der einen Seite stehenden städtische Eliten, die den Zeigefinger der Moral richteten auf die breite Mitte der Bevölkerung, die auf der anderen Seite stehen und den ganzen Hype zu übertrieben finden und deren Alltag eine Umsetzung der radikalen Forderungen schlicht nicht zulässt. Vor genau dieser Spaltung will der Autor warnen und stellt ihn 10 Kapiteln vor, was ihn stört. Er gibt Einblick in die Filterblase Fridays for Future und vergleicht das mit dem Denken in seinem pfälzischen Heimatort, der Provinz. Dieser Vergleich wurde meines Wissens bisher recht selten gezogen.

Der Autor stand also zwischen den Stühlen: Großstädtischer Idealismus gegen das Alltagsdenken aus der Provinz.   Vergiss deine Heimat nicht, hat ein erzgebirgischer Mundartdichter einmal gesungen. Doch angesichts des eigenen Idealismus und der Freundesmoral muss das Clemens Traub sehr schwer gefallen sein.

Was hat die Ernüchterung in seinem Denken bewirkt? Einige Punkte:

1. FfF hat eine großstädtische Überheblichkeit entwickelt, die auch dadurch bedingt ist, dass die Protagonisten materiell in so gesicherten Verhältnissen leben, dass sie es sich leisten können, Gebote und Verbote aufzustellen, ohne Not zu leiden. Bezeichnenderweise heißt das entsprechende Kapitel „Arzttöchter erklären die Welt“ Das sorgt für Unverständnis, sowohl von Seiten der Arzttöchter als auch von Seiten der „Provinzler“. Außerdem sei der normale Diskurs zwischen beiden Lagern nicht mehr möglich, anschaulich illustriert an der Frage nach Plastikgeschirr in der Mensa.

2. Kritikpunkt: Generelle Kapitalismuskritik und Zerstörungswut. Wir erinnern uns an den G20 Gipfel in Hamburg und schütteln immer noch den Kopf über brennende Autos, die angeblich die Adäquatheit der Mittel gegen den Raubtierkapitalismus repräsentieren sollten.

3. Kritikpunkt: Ok, Boomer und Umweltsau, ein neuer Generationenkonflikt, den es eigentlich gar nicht braucht. Aber es ist ja cool rebellisch zu sein. Dabei sollte stets bedacht werden, dass die Vorgeneration den gewissen Wohlstand erst möglich machte. Und wenn aus einer Satire im WDR Morddrohungen gegen Journalisten resultieren, dann läuft hier grundlegend was falsch.

4. Kritikpunkt: Filterblasendenken. Die FfF-Bewegung ist laut Traub selbstverliebt, arrogant und denkt elitär. Das ist aber kontraproduktiv. Von dem britischen Klimaaktivisten und Schriftsteller George Marshall zitiert er einen Satz, der als Imperativ für alle Grabenkämpfer in Klimakrise wie auch in so manch politischer Krise stehen könnte: „Gehen Sie raus und sprechen Sie mit Menschen, die nicht ihre linksliberale Meinung teilen.“ Genau so sollte es sein. Heraus aus der Filterblase, Konfrontation von Menschen mit unterschiedlicher Meinung und unterschiedlichen Erfahrungen. Vielleicht findet sich dabei Verständnis oder am Ende sogar ein Kompromiss – das Mittel der Diplomatie überhaupt?

5. Kritikpunkt: Medienhype und Selfies. Zugegeben: Der Klimaschutz sorgte dafür, dass die Selbstbeschäftigung der Parteien langsam aufhörte und nun wieder Inhalte folgten. Das ist natürlich berichtenswert und soll auch an die Öffentlichkeit gelangen. Doch darunter hat der kritische und professionelle Journalismus nicht zu leiden. Und eine Stilisierung von Personen vor Diskussion der Inhalte sollte erst recht nicht stattfinden. Schade, liebe Journaille. Und wenn zu differenzierte Berichterstattung der Beigeschmack der Hetze attestiert wird, ist der Weg zu Denkverboten nicht mehr weit.

Dass die politische Ebene davon nicht unberührt bleibt, ist klar. Hier werden die Lager unterschieden in die, die den Hype nutzen können, um vielleicht bei der Jugend auf Wählerfang zu gehen und die Ewiggestrigen, deren Christian Lindner einer war. Er hat weder den Klimawandel geleugnet noch jemanden beleidigt, aber er hat FfF den Profistatus aberkannt. Sehr unpopulär…

Clemens Traub beschreibt hier die Schere, die im Denken der deutschen Bevölkerung existiert. Es ist nicht primär die Schere zwischen arm und reich, wobei diese Diskrepanz mit reinspielt, es ist die Schere im Denken zwischen Idealismus und Realismus, was den Schutz des Klimas angeht. Das Klima kann man nicht direkt sehen, genauso wie man den Corono-Virus nicht sehen kann, aber wir können die Klimaveränderung wahrnehmen und spüren. Genau deshalb kann es diese Lager überhaupt geben. Ideal und Wirklichkeit müssen zusammengehen.

Dass aber ein Satz wie „Ich will, dass ihr in Panik geratet“ keine Versöhnung der Lager in Aussicht stellt, sollte einleuchtend sein. Hysterie kann kein politisches Mittel sein und Übertreibung ebenso wenig. Auch, wenn es sie manchmal braucht, damit eine Sache wirken kann. Aber der Überfluss ist schädlich und macht die Sache unglaubwürdig. Das hat so ein wichtiges Thema wie der Klimawandel nicht verdient. Sondern Lösungen.

Meine Freunde, mit diesem Buch ist bewiesen: Es gibt tatsächlich Fridays-for-Future Aktivisten, die das Problem des Klimawandels wirklich ernst nehmen, die Sache und Argumente vor Personen und rote Teppiche stellen.

Ob bewusst oder unbewusst, alterniert der Autor in der Beschreibung seines sozialen Umfelds zwischen Fridays-for-Future-Bekannten und -Freunden. Das bewirkt teilweise Distanzierung, aber hin und wieder Gemeinmachung mit den Zielen. Er hat sich von der Bewegung nicht verabschiedet. Er will sie nach wie vor, aber mit anderen Mitteln. Im letzten Kapitel stellt er sogar Klimarettungsmaßnahmen vor, die teilweise auf dem Markt und teilweise in der Entwicklung sind. Liest man davon in der Zeitung? Nein. Aber hier definiert ein junger Journalist sein Berufsethos neu.

Nur das Lektorat hätte ein bisschen besser sein können. Über die Tippfehler kann man aber hinwegsehen, denn das Thema und die Argumentation sind das Lesen allemal sehr wert.

Clemens Traub, Future for Fridays? Streitschrift eines jungen Fridays for Future Kritikers. Quadriga-Verlag 2020, 14,90 €.

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© Kay Nagel - Dozent & Lektor