Helmut Schmidt: Was ich noch sagen wollte. C.H. Beck 2016.

Kurz vor Jahresende erinnert sich man gewöhnlich jener Menschen, die im dahinscheidenden Jahr dahingeschieden sind. Das waren 2016 sehr viele Prominente. Auch persönlich hatte ich Trauerfälle zu verarbeiten.

Ich möchte mich dieser Rezension aber noch ein Jahr weiter zurück gehen, denn im November 2015 starb Helmut Schmidt. Als ich den Titel vergangene Woche beim Schlendern in der Buchhandlung entdeckte, kam ich nicht umhin, das Buch zu kaufen. Mit 230 Seiten ist es nicht besonders umfangreich, das Druckbild ist größer als gewöhnlich. Das passt zur - von mir interpretierten - Wirkung des Buches. Doch beginnen wir am Anfang: Wenn man liest, was jemand noch zu sagen hat, kann man schließen, dass er es bisher noch nicht gesagt hat. Ich kenne leider bisher nur ein Buch, in dem Schmidt vorkommt, nämlich seine Zigarettengespräche. Das ist jedoch eher ein Buch über ihn statt von ihm, denn die inhaltliche Lenkung übernimmt ja Giovanni di Lorenzo. Ich kenne aber so gut wie alle Dokumentationen, die die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender über den elder statesman gedreht haben. Weil ich also neues erwartete, kaufte ich mir das Buch, zumal es als Weihnachtslektüre nicht allzu schwere Kost sein sollte.

Schon am Vorwort erkennt man: Es geht um Vorbilder. Dabei kam mir der Gedanke, dass der Altkanzler vielen Deutschen und generell vielen Intellektuellen als Vorbild dient, und das über seinen Tod hinaus. Er geht aber nicht auf sich selbst als Vorbild ein, denn das würde auf ihn als Hanseaten auch nicht passen. Trotzdem weiß er hintergründig um seine Wirkung. Deshalb führt er, geordnet an einer biographischen Chronologie, seine Vorbilder der verschiedenen Jahre, Jahrzehnte und Jahrhunderte, ja Jahrtausende, auf und erläutert, weshalb er so geworden ist wie er ist. Dabei bezeichnet er sich stets als Eklektiker, d.h. er orientiert sich bei allen Vorbildern genau daran, was er als erstrebenswert erkennt, lässt das Negative auf der Strecke. Er erkennt, dass jedes Vorbild bei aller Vorbildhaftigkeit auch Schattenseiten hat, aber die muss man ja nicht als Charaktereigenschaften übernehmen. Selbstverständlich werde ich hier kein einziges Vorbild von Helmut Schmidt aufführen, denn die Lektüre sei dem Leser überlassen. Das Buch ist aber klug angelegt. Man spürt, was Schmidt im Sinn hatte, nämlich: Wenn ihr euch mich schon als Vorbild nehmen müsst, dann seht, wen ich mir zum Vorbild genommen habe und orientiert euch, wenn ihr denn wollt, auch an denen.

Schmidt zeigt auch auf, warum er welche Weichenstellungen in seinem Leben vorgenommen hat und welche Gedanken und welche Werte er dabei im Sinn hatte. Dabei rechtfertigen seine Worte nicht, er steht hinter allem, was er getan hat. Fehler räumt er ein, bedauert sie aber nicht, sondern sagt: Ich habe getan, was ich für nötig hielt. Wenn etwas Schlechtes daraus erwachsen ist, dann ist das jetzt nicht mehr änderbar. Punkt. Und er schließt mit einem Zitat, welches sein Leben und seine Arbeit nicht besser charakterisieren könnte. Welches? - Lesen!

 

Das Buch rangiert irgendwo zwischen Information und Würdigung. Man erfährt, warum Schmidt so geworden ist, wie er ist. Und man erkennt, das er seine Vorbilder mit einer herzlichen Würdigung schreibend behandelt, dass man angehalten ist, über diese Vorbilder selbst noch Erkundigungen einzuholen.

 

Wer Prognosen erwartet, wie sich die Welt entwickeln wird, wird darüber keine Informationen erhalten. Aber vielleicht kann man aus der Retrospektive erahnen, was Helmut Schmidt heute getan hätte, wäre er mit gewissen politischen Problemen konfrontiert worden.

 

Chemnitz, 31.12.2016

 

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© Kay Nagel - Dozent & Lektor