Juli Zeh: Über Menschen

In Fortsetzung von "Unterleuten"... Über Menschen

 

 

„Tach, ich bin der Dorf-Nazi.“ – So stellt sich Doras neuer Nachbar Gote über die Grundstücksmauer zu ihrem neu erstandenen Grundstück in Bracken vor. Bracken, brandenburgische Provinz, von Dora selbst gewählter Zufluchtsort für verwirrte und gestresste Städter in der Corona-Krise. Während Freund Robert in der Hauptstadt Corona und den Hass auf Corona-Leugner zum neuen Lebensinhalt erklärt, flüchtet sein bisheriger, aber immer mehr gedanklich abdriftender Lebensinhalt Dora aufs Land. Klammheimlich kauft sie sich ein altes Haus.

In Bracken zählt sie nicht nur Gote, bürgerlich Gottfried Proksch, zu ihren Nachbarn, sondern auch den handwerklich begabten Heini und das Pärchen Steffen und Tom, die einen AfD-Aufkleber am Briefkasten und Blumen nebst anderen grünen Gewächsen im Haus haben.

Der eher einsilbige Gote ist zwar Dorf-Nazi, aber überaus zuvorkommend, ein Helfer-Typ, ohne jegliche Gegenleistung zu erwarten. Das Geheimnis aller handwerklichen Hilfsmaßnahmen seitens der Nachbarn ist das Haus, das all jenen Nachbarn aus Erinnerungsgründen etwas bedeutet. Am Haus findet auch plötzlich die kleine Franzi Gefallen, aber noch mehr an Jochen-der-Rochen, Doras Hündin. Franzi und Jochen bespaßen sich gegenseitig, während sich Dora um Franzi kümmert, von der sie irgendwann erfährt, dass sie Gotes Tochter ist.

Innerlich überzeugt von der Tatsache, dass Kinder keine Verantwortung dafür tragen, wer ihre Eltern sind und welche Meinungen sie verinnerlicht haben, nimmt sie sich ihrer an. Franzi wird zum Bindeglied zwischen Gote und Dora und sorgt unbewusst dafür, dass Doras Horizont nicht an der Grundstücksmauer endet. Aus dem allabendlichen Ritual, das Dora und Gote pflegen, die letzte Zigarette des Tages gemeinsam zu rauchen und zeitgleich wegzuschnipsen wird eine echte zwischenmenschliche Verbindung, die Dora weigert, sich als Beziehung einzugestehen. Ein Nazi als Freund – das geht gar nicht, eigentlich!

Die Verbindung intensiviert sich, man renoviert gemeinsam, macht Ausflüge, Gote ist mittlerweile zweisilbig geworden und weiht die Nachbarin in seine Vergangenheit ein. Nebenbei bewundert sie Gote beim Grillen, Trinken und Rauchen um seine motorisierte Schnitzkunst.

Die Hauptstadt, der alte Lebensmittelpunkt, lässt Dora indes nicht komplett los. Dass der ÖPNV in der Provinz mehr schlecht als recht funktioniert, hält sie nicht davon ab, ihren alten zweirädrigen Gustav aus dem gewesenen gemeinsamen Domizil mit Robert abzuholen und der Großstadtfamilie einen Besuch abzustatten. Dass sich die Horizonte unterschiedlich erweitert haben, spürt Dora deutlich. Nur Jojo, der Papa, bleibt als sporadische Bezugsperson. Was will sie noch hier? Also wieder zurück aufs Land, wo sich für Dora so etwas wie eine Sozialisation entwickelt hat, in die sie mittlerweile involviert ist.

Auf der nächtlichen Rückfahrt begegnet sie Gote, der unbewusst ein weiteres Rätsel aufgibt, für dessen Lösung der sporadische Kontakt zu Jojo, dem väterlichen Chirurgen, sehr nützlich ist, Dora aber nicht eben Mut macht. Letztes Mittel für Dora bleibt die Hoffnung. Denn die Hoffnung auf eine gute Nachbarschaft hat sich in Dora breit gemacht. Nachbarschaftliche Kontakte bringen der Kreativarbeiterin derweil einen neuen Job ein, sie betrachtet beide Grundstücke als patchworkmäßig verbundene Familie, wird heimisch in der Dorffamilie auf der Wiese des Dorfplatzes und nichts könnte eigentlich den dörflich-privaten Frieden stören.

Wäre da nicht dieser eine Moment, in dem sie zweifelnd unter der Dusche steht und meint, etwas gehört zu haben. Sie schaut nach und ihre Zweifel bestätigen sich – leider! Von Jojo, der sich für einen Besuch in der Provinz angekündigt hat, erhofft sie sich noch eine hoffnungsvolle Botschaft zur Rettung Gotes. Doch kann er nur noch trösten.

Mit „Über Menschen“ hat Juli Zeh einen Roman geschrieben, der nicht von Übermenschen handelt, sondern über Menschen erzählt. Vor allem erzählt er über die Perspektive eines Menschen, die viele Menschen gesehen und erlebt haben sollte, nur eben nicht den einen Menschenschlag, der nicht dort lebt, wo man viele verschiedene Menschen sieht. Sie sieht nicht nur, sie erlebt diesen einen Menschenschlag und spürt die Wechselwirkung mit ihnen im Alltag. Diese Perspektive, diese Betrachtung, diese Meinung über Menschen verändert sich immens, zwischen dem ersten Wimpernschlag der Begegnung und dem Kennenlernen, dem sozialen Interagieren mit allen Stärken und Schwächen.

Juli Zehs Roman ist eine gedankliche Anleitung zum Reinkommen, zum über die Mauer des eigenen Grundstücks schauen, zum Heraustreten aus der scheinbar diskursiven Blase der Einheitlichkeit der Großstadt, die wahrscheinlich in einem einseitigen Diskurs gefangen ist. Dora geht mit politischen Vorurteilen in die Provinz und lässt sich belehren, dass hinter aller politischen Meinung – so abseitig vom mainstream sie auch sein mag – ein Mensch steht. Ein Mensch, der eine Stunde am Abend beim Bier an die verkorkste Politik denkt, der den restlichen Tag hingegen früh aufsteht, einkaufen geht, sozialverträglich interagiert und schöpferisch tätig ist. Juli Zeh hat mit „Über Menschen“ einen sanften Imperativ geschrieben, der dazu aufruft, sich gedanklich mit Menschen und ihrem Mikrokosmos zu befassen – und über sie nicht aus dem eigenen bescheidenen Mikrokosmos heraus zu urteilen.

Gote schnitzte übrigens motorisiert Wölfe, ein Wolfspärchen mit Welpen. Der Wolf, der lupus, der dem Menschen ein Wolf bleibt, ziert als Skulptur Gotes letzte Adresse. Dora hinterlässt er ein Abbild von Jochen, dem besten Freund des Menschen.

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© Kay Nagel - Dozent & Lektor