René Seidenglanz: Toter Schacht (Erzgebirge Krimi) emons 2019

Versenkte Vergangenheit

 

„Toter Schacht“ ist der Debütroman des Berliner Kommunikationsprofessors und Vizepräsidenten der Quadriga-Hochschule René Seidenglanz. Der Roman spielt, wo der Publizist, Psychologe und Kommunikationswissenschaftler geboren ist: Annaberg-Buchholz im Erzgebirge. Titel und Cover, Meißner Schwerter sowie Schlägel und Eisen, angeordnet wie im über die Grenzen des Erzgebirges hinaus bekannten Schwibbogen, weisen auf den Lokalkolorit hin.

Man fragt sich: Was kann im Erzgebirge schon für ein Mord passieren? Der Titel „Toter Schacht“ zumindest weist auf die Vergangenheit hin, ein lange zurückliegendes Todesdrama wird hier erzählt. Ganz so lang her wie der Silbererzbergbau ist der Mord selbstredend nicht, der Spannungsbogen muss schließlich erhalten bleiben, der die noch lebenden Personen mit den zu Tode Gekommenen emotional und in der Erinnerung verbindet. Der tatsächliche Tote Schacht ist einer von vielen Pockennarben auf dem Feld und im Wald, vor etlichen Dekaden aufgegeben, eigentlich nur noch als schwache Erinnerung erhalten bei den Einwohnern, die wahrscheinlich nie in den damals lebendigen Schacht eingefahren sind, aber zum Sonntagsspaziergang daran erinnert werden, dass es ihn noch gibt und dort tatsächlich mal etwas wirtschaftlich Wichtiges herausbefördert wurde. Hinein schaut in das tiefe Loch aber keiner mehr. Das ideale Versteck also für einen Mörder, der sich einer Leiche entledigen will. Doch wer kann im Erzgebirge, wo die Bergkameradschaft so hoch angesehen ist, so kaltherzig sein, einen Mord zu begehen? War es überhaupt Mord?

Dass die Bergbautradition im Gegensatz zum Schacht nicht tot ist, beweisen Jens und Matthias. Die beiden sind Bergkameraden, leben ihre Tradition zum Bergaufzug aus und kennen die Toten Schächte. Dort finden sie auch die Leichen, verkantet, umarmt in harmonischer Position – ein Pärchen. Das kollektive Stadtgedächtnis weiß um die tragische Geschichte, die sich im Jahr 1972 zutrug, schweigt aber genauso kollektiv. Man will ja keine alten Geschichten aufwärmen, man soll die Toten doch ruhen lassen, man will von der Tat eigentlich gar nichts mehr wissen und nie gewusst haben. Nur einer weicht ab: Prof. Dr. Jan Berghaus. Der Professor für Soziologie ist der erste Beleg dafür, dass Annaberg-Buchholz eine universitäre Lehreinrichtung besitzt. Die Uni taugt in erster Linie dramaturgisch dazu, den Protagonisten als Professor alter Schule darzustellen, der sich für seine Hilfskräfte ebenso wenig interessiert wie für Drittelmittelakquirierung. Dafür gibt es jüngere, aktivere, publikationsstärkere Kollegen wie Prof. Selke. Eine Spur Soziopathie lässt Berghaus erkennen im Umgang mit seiner Tochter Alexandra, die in russischsprachiger Verkürzungsmanier Sascha genannt wird und im Erzgebirge nur eine Außenseiterin sein kann, eine Anhängerin der Schwarzen Szene, ein „Goth“ mit schwarz tätowierter Hand, an allem interessiert außer zwischenmenschlichen Beziehungen, vor allem nicht zu den Stinos, den Stinknormalen. Dass Vater und Tochter so etwas ein Team werden, ist dank Berghaus‘ exponiertem Egoismus nicht wirklich vorauszusehen. Dass Berghaus als wissenschaftlich strebsamer Egoist an der Universität mittlerweile falsch ist, sorgt dafür, dass die Universität im Roman lediglich eine charaktererzählende Rolle spielt. Viel deutlicher tritt die journalistische Ader hervor, mit der Berghaus die Heimatblätter herausgibt. Stets mit der Frage konfrontiert, wer öde Heimatgeschichten lesen möchte, wittert der alternde Journalist eine Topstory, als er die Geschichte der beiden Toten aus dem Schacht erzählen kann. Investigativ macht er sich auf die Suche nach der Wahrheit, unterstützt von seinem Kollegen Albrecht. Unbeeindruckt vom Schweigen der Annaberger Einwohner, die die Toten von damals noch kannten, aber vehement Gras über die alten Geschichten wachsen lassen wollen wie über den Toten Schacht, studiert er Akten, kombiniert kriminologisch und begibt sich auf Reisen, am weitesten nach Kasachstan. Er erkundet ein verwirrendes Netz von alten Seilschaften, die in der Annaberger Posamentenfabrik ihren Anfang nahmen, von in der DDR üblichen Enteignungsmaßnahmen, Fluchtgeschichten über die Ostsee und forscht nach den Nachfahren der Verstorbenen, um den Täter ausfindig zu machen. Der Tod weiterer Bürger, die irgendwie mit den Opfern bekannt waren, zeigt ihm, dass er sich bereits im tiefen dunklen Schacht des Todes befindet. Nur nach und nach dringt Licht ins Dunkel. Die stets schwarz gekleidete Sascha operiert quasi parallel investigativ mit dem Kopf im Gegensatz zu ihrem Vater, der mit Herzblut den Mörder stellen will und sogar selbst unter Mordverdacht gerät. Sie ist es, der sich der Mörder der damaligen Mitwisser unter Tränen langsam, aber sicher offenbart. Im Showdown der weihnachtlichen Bergparade, zu der wir auch den Entdeckern der 30 Jahre vorher gefundenen Leichen aus dem Toten Schacht wieder begegnen, entpuppt sich ein bettlägeriger Greis als sehr aktiver Rächer.

Der Mord an den zwei Liebenden gibt bis zum Schluss Rätsel auf. Nur die kursiv gesetzten Gedankenreden der weiblichen Leiche aus dem Reich der Toten heraus sind das Geleucht, das den Leser zum Licht führen.

Seidenglanz hat einen spannenden Roman geschrieben, den zur Seite zu legen äußerst schwerfällt. In die städtisch-erzgebirgische Gesellschaft konstruiert er eine sozialistische Altlast, die dem Roman das geben, was ihn ausmacht: Personennetzwerke, eine volkswirtschaftlich fragwürdige Vergangenheit und eine Verschwiegenheit, die es dem Ermittler Berghaus erschweren, den Mord vollends aufzuklären. Der Erzgebirger, insbesondere der Annaberger, erkennt die Berge, die Bergparade, die Posamentenfabrik und fühlt sich im Roman seltsam heimisch.

Ist der Mörder von damals zurückgekehrt? Vielleicht ein bisschen…

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© Kay Nagel - Dozent & Lektor